Drunter und Drüber – Auf und Ab

Praxisbericht von Sonja Krenmayr

Wolfsburger Oberschule, Jahrgang 10

Wir sind in den Vorbereitungen für die Abschlussfeier der Zehntklässler, dem Corona-Abschlussjahrgang unserer Oberschule in Wolfsburg. Wenn ich in die erschöpften Gesichter meiner Kolleginnen schaue, erkenne ich die Strapazen der letzten Monate.
Trotz allem versuchen wir, unseren Schülerinnen und Schülern und ihren Familien einen würdigen Abschied zu bereiten. Die zwei Wörter „trotz allem“ könnten wahrscheinlich ein ganzes Buch füllen. Und sie könnten wohl auch eine kurze Beschreibung des unglaublichen Durchhaltevermögens von uns allen in dieser schwierigen Zeit sein.
Unseren Schülerinnen und Schülern versuchen wir Halt zu geben: über die Distanz Nähe zu erzeugen, trotz aller Ernsthaftigkeit Humor zu behalten und auf allen Wegen Wissen zu vermitteln.
Das Letztere ist eine Sisyphus-Aufgabe. Den Stein des Wissens den Hang hochzurollen ist im normalen Schulalltag schon eine Herausforderung, aber in Zeiten von Distanzlernen fast unmöglich, da gerade an unserer Schulform die technischen Voraussetzungen, die erforderliche Unterstützung unserer Schülerinnen und Schüler beim Lernprozess nicht gegeben sind.
Wenn es etwas Positives an Corona gibt, dann wohl, dass die Pandemie vieles Versteckte in unserer Gesellschaft aufdeckt, unter anderem die Mängel im Bildungssystem. Wo sind all die versprochenen Endgeräte? Wo die Internetverbindungen? Wo die höhere Anzahl an notwendigen Lehrkräften?
Aber im Superwahljahr stehen jedoch wieder andere Themen im Vordergrund.
Wenn ich Energie habe, lese ich in dieser Zeit Berichte von anderen Schulen. Nicht dass ich nicht selber genug erlebe oder von meinen Kolleginnen und Kollegen hören würde, aber man ist immer wieder erstaunt, was es alles an Variationen zu unserem Corona-Alltag gibt. Ich wünschte, ich hätte die Kraft und die Zeit, das alles kreativ zu bearbeiten. Leider habe ich das nicht. Ich bin, wie fast alle meine Kolleginnen und Kollegen, im Zustand absoluter Überlastung und nur noch auf Dauer-Durchhaltemodus eingestellt.
In der Realität kommt in der Gesellschaft nicht viel von den Umständen in der Schule an. Wenn man als Lehrerin einmal mitbekommt, wie dieses Bild aussieht, vor allem die Einschätzung des Arbeitseinsatzes und -aufwandes von Lehrkräften, aber auch der Schulleitungen und Mitarbeiterinnen, kommt man gar nicht dazu, seiner Empörung Luft zu machen. Was soll man auch einem „Jetzt wo die Schüler zu Hause sind, habt ihr doch ein ruhiges Leben!“ entgegnen? Außer einer langen und ausführlichen Darstellung der komplexen Realität?
Erstens ist das Gefühl zu anstrengend, sodass man abwägt, ob es die Sache wert ist, zweitens ist man schlichtweg atemlos durch das stundenlange Tragen der Maske während des Präsenzunterrichts.
Das Tragen der Maske – generell und auch in korrekter Weise – ist seit Beginn der Corona-Pandemie einer der größten öffentlichen Streitpunkte und Sinnbild für diese Zeit.

Wear the mask, Foto: Sonja Krenmayr

 

Und während sie für die einen Schutz vor einem möglichen, tödlichen Verlauf bei einer eventuellen Erkrankung bedeutet, ist sie für andere das rote Tuch schlechthin – der größte, und ihrer Meinung nach schlimmste, Eingriff in ihre Grundrechte.
Herausfordernd auch, dass jeder Mensch zum Mund-Nase-Schutz seine ganz persönliche Meinung hat – fast jeder Schüler und einige Kolleginnen und Kollegen, sodass mein anstrengender und luftquantitäts- und qualitätsverringerter Alltag zu einem Diskussionsmarathon zum Thema „drüber und drunter“ wird – also die Maske über oder unter der Nase.
Dazu kommen die regelmäßigen Änderungen bezüglich der Maßnahmen abhängig von Inzidenzwerten, bundesweit, landesweit –Stadt bestimmt. Auch Föderalismus wird in den von Masken begleiteten Diskussionsreigen mit aufgenommen.
Ein gesunder Alltag sieht anders aus.
Meine Klasse unterrichte ich in GSW und wir nutzen die technischen Möglichkeiten, führen Zeitzeuginneninterviews via Videochat. In Werte und Normen versuche ich mit ihnen, die Pandemie zu verarbeiten. In ihnen wächst das Bewusstsein, dass auch sie mittlerweile Zeitzeugen sind.
Doch wie wir alle haben sie irgendwann keine Lust mehr auf das Thema und sehnen ein baldiges Ende der Pandemie und auch der Auseinandersetzung damit herbei.
Kraft für die Abgabe eines Projektes für den n-report hat leider keiner mehr. Das finde ich zwar schade, aber ich kann es selber sehr gut nachvollziehen.
Habe ich die Fortbildungstage am Anfang als erholsame und inspirierende Erfrischung in meinem Corona-Schulalltag erlebt, sind die dann nur noch online stattfindenden Veranstaltungen mit sehr komprimierten Inhalten zusätzlicher Stress.
Erst jetzt bemerke ich das wirkliche Ausmaß meiner Erschöpfung, da ich nicht mehr viel Kraft für Kreativität und Neues aufbringen kann.
Und dann lese ich noch einmal in Ruhe meinen ersten Text „Warten auf die nächste Welle“, den ich letztes Jahr am Anfang der Fortbildung geschrieben hatte. Was hat sich verändert? Denn auch wenn wir uns gerade, was die Inzidenzwerte betrifft, auf dem Abwärtstrend befinden und die Lockerungen der Hygienemaßnahmen uns dazu verführen, leichter zu leben oder leider leichtsinnig zu werden – lauert wie letztes Jahr um die Ecke eine erneute, schwer einschätzbare Welle durch die Deltavariante, die in anderen Ländern bereits zu neuerlichen Schließungen führt. Wieder sehen wir einem ungewissen Sommer entgegen, den wir ein wenig mehr genießen wollen, und wir sehen einem Herbst entgegen, vor dem wir durch die stattgefundenen Impfungen zumindest in unserem Land die große Furcht – vielleicht auch das Gefühl der Ohnmacht – verloren haben.
Mit unserer Abschlussfeier versuchen wir einen Schlussstrich zu ziehen, da wo wir können. Kurz durchzuatmen – auch wenn es wahrscheinlich durch die Maske ist. Uns mit Abstand in die Arme zu nehmen, den Moment gemeinsam zu genießen und das Leben und seine Meilensteine zu feiern.
Demütig beobachte ich wieder meine Schülerinnen und Schüler, die zwar einen kleinen Anstoß brauchen, aber dann mit so viel Freude, Dankbarkeit und Kreativität versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

Zur Person

Sonja Krenmayr unterrichtet Politik, Geschichte, Erdkunde und Wirtschaft an der Wolfsburger Oberschule.
Wichtig ist ihr besonders im Politikunterricht, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, ihren Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe zu erkennen und umzusetzen.

Kontakt

Letzte Änderung: 17.10.2021

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